von MARION STUKE
Wacholder ist das reinste Gift. Brechreiz, Bauchschmerzen, Blasenbildung kann das immergrüne, spitzkeglige Zypressengewächs auslösen. Vor allem, wenn man seine Nadeln isst. Da muss dann schon mal der Notarzt ran. In Branntwein-Form unsachgemäß eingenommen, beschränkt sich die Wirkung zumeist auf den Brechreiz. Am nächsten Morgen. Da reicht dann zum Glück ein Aspirin.
Man muss ihn eben zu nehmen wissen, den einfachen Heckenschnaps aus Monopolsprit oder Korndestillat mit den 32 geistreichen Prozenten. Da braucht es schon einen Fachmann.
82 solcher Fachmänner und -frauen (fast ein Drittel ist weiblich) haben sich in Rahden-Varl zu einem Verein zusammengeschlossen, um ihrer Vorliebe für ein ganz bestimmtes Fabrikat ihres Kult-Getränkes zu frönen.
"Kisker-Fanclub" nennen sich schlicht und treffend die Freunde des Haller äthanolhaltigen Gebräus aus der Kranewitterbeere (wie Botaniker den Wacholder liebevoll bezeichnen, der übrigens bevorzugt auf Schafweiden gedeiht und in Kapselform erstklassig entschlackt und entwässert). "So schmeckt Wacholder" heißt ihre Hymne, die zum Abschluss einer jeden Jahreshauptversammlung erklingt.
"Kisker-Fan" darf sich nicht jeder x-beliebige Wacholder-Trinker titulieren. Wer in den Zirkel der Kisker-Koryphäen aufgenommen werden will, muss sich als Autorität erweisen.
Firmensitz, Firmengründer, Firmengründungsjahr sowie Alkoholgehalt der Marke werden abgefragt. Bei zwei richtigen Antworten bestehen "seitens des Vorstandes keine Bedenken", den Aspiranten in der Mitte der Fans aufzunehmen.
Auch "Sinn und Zweck der Existenz" des Fanclubs sind in der Satzung festgelegt: Um das "Prinzip des kollektiven Beisammenseins" geht es, um eine "kommunikative Brücke und ein Gefühl der inneren Verbundenheit". Haben wir auch nicht anders vermutet. Darauf einen - Weizenkorn.
(aus: Neue Westfälische, 14. Februar 2000)